← Zurück zu den Nachrichten

Tunesiens Olivenölboom bleibt auf ausländischen Etiketten unsichtbar

Tunesien dürfte in dieser Saison zum zweitgrößten Olivenölproduzenten der Welt aufsteigen. Dennoch werden Berichten zufolge 86 % seiner Exporte der Saison 2025/2026 lose verkauft und anschließend unter ausländischen Marken abgefüllt.

Tunesiens Olivenölboom bleibt auf ausländischen Etiketten unsichtbar

Großer Produzent mit geringer Sichtbarkeit

Tunesien stellt seit fast 3.000 Jahren Olivenöl her und dürfte in dieser Saison zum zweitgrößten Produzenten der Welt aufsteigen. Außerhalb des Landes finden Verbraucher jedoch nur selten Flaschen, deren tunesische Herkunft deutlich erkennbar ist. Haber Aktüel berichtet, dass in der Saison 2025/2026 86 % der tunesischen Olivenölexporte lose verkauft und anschließend unter ausländischen Marken abgefüllt werden. Die wichtigsten Absatzmärkte sind Spanien, Italien und die USA.

Die Lieferungen werden gewöhnlich im Zielland abgefüllt und können mit dortigen Ölen vermischt werden. Die Vorschriften der Europäischen Union erlauben allgemeine Herkunftsangaben wie eine Mischung aus Olivenölen aus der EU und Nicht-EU-Ländern. Auch US-Etiketten lassen Import-, Produktions- und Ernteort nicht immer klar erkennen. Für gewerbliche Käufer bleibt Tunesien damit ein bekannter kostengünstiger Lieferant, während das Herkunftsland bei Endverbrauchern kaum Profil gewinnt.

Finanzierungsprobleme stützen das Massengeschäft

Der tunesische Ökonom Fadhel Kaboub argumentiert, dass nicht der Olivenanbau, sondern die Kontrolle über die Wertschöpfungskette über die Verteilung der Erträge entscheidet. Viele Landwirte erhalten nur schwer inländische Finanzierungen, weil Stammes- oder Familienland häufig keine modernen Eigentumsnachweise besitzt. Wegen des begrenzten Kreditzugangs verkaufen Produzenten ihre Ernte mitunter bereits ein Jahr im Voraus an italienische oder spanische Abnehmer und legen den Preis fest, bevor die endgültige Qualität bekannt ist.

Die Folgen gehen über die fehlende Markenbekanntheit hinaus. Abfüllung, Vermarktung und ein Teil der Verarbeitungsspanne wandern ins Ausland, während die Armut in ländlichen Anbaugebieten fortbesteht. Saisonarbeitskräfte, mehrheitlich Frauen, verfügen über geringe Einkommen und werden teilweise unter unsicheren Bedingungen transportiert. Die Quelle berichtet von mehreren Unfällen und Todesfällen im vergangenen Jahrzehnt, bei denen Landarbeiter in Fahrzeugen befördert wurden, die für Waren und Tiere bestimmt waren.

Unabhängige Marken investieren vor Ort

Eine neue Produzentengeneration versucht, tunesisches Öl als hochwertiges Fertigprodukt zu verkaufen. Sarah Ben Romdane, Gründerin der Bio-Nativ-extra-Marke KAÏA, kehrte auf das seit fünf Generationen von ihrer Familie bewirtschaftete Land zurück und investierte erneut in mehr als 100 Jahre alte Olivenbäume. Mit der heimischen Sorte Chemlali und einer klaren Herkunftserzählung gelangte KAÏA innerhalb von fünf Jahren in renommierte Feinkostgeschäfte. Bei US-Händlern kostet das Öl 34,99 $ je 50 cl.

KAÏA beschäftigt rund 50 Frauen und bezahlt sie genauso wie Männer. Um die steigende Nachfrage zu bedienen, investiert Ben Romdane in eine eigene Mühle, die 2027 eröffnet werden soll. Derzeit ist das Unternehmen wie viele tunesische Erzeuger auf Gemeinschaftsmühlen angewiesen, die für die Herstellung von nativem Olivenöl extra gründlich gereinigt werden müssen. Eine eigene Anlage könnte Vollzeitstellen schaffen, die aktuelle Jahresproduktion von 10 Tonnen erhöhen und ein Ziel für Olivenöltourismus entstehen lassen. Kaboub sieht zudem Chancen in Lateinamerika und Asien, zusätzlich zu Europa und den USA. Ob sich dieses Modell ausweiten lässt, hängt von Finanzierungen, der Kontrolle der Verarbeitung und der Bereitschaft der Käufer ab, für tunesische Herkunft statt für anonymes loses Öl zu bezahlen.

Vollständige Marktanalyse

Wir verwenden Cookies, um Ihr Surferlebnis zu verbessern, personalisierte Inhalte bereitzustellen und unseren Traffic zu analysieren. Durch Klicken auf "Alle akzeptieren" stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Sie können Ihre Einstellungen verwalten oder mehr erfahren in unserer Datenschutzrichtlinie.