Russland verlängert Zollfreiheit für Kraftstoffe und Additive gegen Benzinengpässe
Russland verlängert die zollfreie Einfuhr mehrerer Kraftstoffe und von Benzinadditiven bis Mitte 2027. Raffinerien dürfen vorübergehend bis zu 1 % Monomethylanilin einsetzen und bis zum 31. Dezember 2026 Benzin nach gelockerten Vorgaben herstellen.
Zollbefreiung gilt nun auch für Benzinadditive
Der Rat der Eurasischen Wirtschaftskommission hat die Nullzölle auf Benzin, Diesel, Flugkraftstoff und Schiffskraftstoff bis Mitte 2027 verlängert, berichtete Iswestija. Die Vergünstigung umfasst nun auch Additive für Ottokraftstoffe, auf die sonst ein Zollsatz von 5 % erhoben würde. Damit soll das Angebot nach Versorgungsstörungen und Abgabebeschränkungen in einzelnen russischen Regionen erhöht werden.
Russland prüft zudem Nachlässe auf die Bahnfracht für Lieferanten importierter Mineralölprodukte. Die Behörden wollen sowohl den Import fertiger Kraftstoffe als auch die Einfuhr von Komponenten wirtschaftlicher machen, die mit heimischen Raffinerieströmen gemischt werden können. Eine vergleichsweise kleine Menge eines Oktanverbesserers kann in einer Raffinerie oder einem Tanklager ein wesentlich größeres Volumen verkaufsfähigen Benzins ermöglichen und damit lange Transporte von Fertigkraftstoff reduzieren.
Monomethylanilin vorübergehend wieder zugelassen
Wegen des begrenzten Angebots hochoktaniger Komponenten dürfen Raffinerien und Tanklager vorübergehend Monomethylanilin, kurz MMA, einsetzen. Bereits ein geringer Anteil erhöht die Oktanzahl der Mischung und ermöglicht mehr Benzin der Sorten AI-92 und AI-95 aus den verfügbaren Rohstoffen. Von Iswestija angeführte Schätzungen gehen von einer zusätzlichen Produktion von rund 50.000 Tonnen hochoktanigem Benzin pro Monat aus.
Die Regierung hat russischen Raffinerien und Tanklagern bis zum 31. Dezember 2026 die Produktion von Benzin mit vorübergehend geänderten Spezifikationen gestattet. Der Kraftstoff darf bis zu 1 % MMA und bis zu 42 % aromatische Kohlenwasserstoffe enthalten; der Schwefelgehalt darf 150 Milligramm je Kilogramm erreichen. Dieses Benzin darf ausschließlich in Russland verkauft werden.
MMA war in Russland von 2016 bis zum Herbst 2025 verboten. Die Abkehr von dem Stoff hing mit der Einführung der Umweltklasse K5 zusammen, die an die europäische Euro-5-Norm angeglichen ist, sowie mit Bedenken hinsichtlich Emissionen, Arbeitsplatzexposition und möglicher Motorschäden. Iswestija zufolge kann MMA die Abgaswerte verschlechtern und insbesondere die Stickoxidemissionen erhöhen. Eine europäische regulatorische Bewertung des polnischen Büros für chemische Stoffe verwies außerdem auf mögliche krebserzeugende und erbgutverändernde Risiken. Die industrielle Beimischung erfordert deshalb Laborkontrollen; der Stoff darf nicht eigenständig in Fahrzeugtanks eingefüllt werden.
Raffinerien passen Benzinrezepturen an
Eine übliche Benzinrezeptur kann zu etwa 30 % aus Fraktionen des katalytischen Crackens, zu rund 20 % aus Reformat und zu jeweils ungefähr 20 % aus Alkylat und Isomerisat bestehen. Die genaue Mischung hängt von Raffinerie und Kraftstoffsorte ab. Reformat und Alkylat besitzen eine hohe Klopffestigkeit. Sinkt ihre Produktion, müssen Raffinerien ihre Rezepturen ändern oder alternative Komponenten beschaffen.
Eine Möglichkeit ist der verstärkte Einsatz von Naphtha, einem Produkt der direkten Rohöldestillation, das auf dem russischen Markt traditionell im Überschuss vorhanden war. Unbehandeltes Naphtha hat eine relativ niedrige Oktanzahl und einen hohen Schwefelgehalt, was seinen Anteil im Fertigbenzin begrenzt. Oktanverbesserer wie MMA ermöglichen einen höheren Naphtha-Anteil und senken den Bedarf an Reformat, Alkylat und Benzin aus katalytischem Cracken.
Die russische Importabhängigkeit unterscheidet sich auch nach Raffinerieeinsatzstoff. Alexander Frolow, stellvertretender Generaldirektor des Instituts für Nationale Energie, sagte Iswestija, dass hochoktanige Komponenten in der Regel in russischen Raffinerien oder anderen inländischen Anlagen hergestellt werden. Bei Katalysatoren wird die Importabhängigkeit dagegen je nach Verfahren auf 20 % bis 30 % geschätzt. Russische Hersteller können den heimischen Bedarf an Katalysatoren für katalytisches Cracken vollständig decken, während die Substitution bei Hydrierverfahren schwieriger bleibt. Nullzölle und mögliche Bahnrabatte können den akuten Engpass rasch mildern, doch die vorübergehenden Spezifikationen erhöhen zugleich die Verantwortung der Raffinerien für Qualität, Emissionen und sicheren Umgang.