Getreidewirtschaft fordert mehr deutsche Weizenexporte nach Nordafrika
Die deutsche Getreidewirtschaft fordert angesichts gestörter Schwarzmeer-Routen eine stärkere Versorgung Nordafrikas und des Nahen Ostens. Deutschland exportierte zuletzt jährlich rund 4 bis 4,5 Millionen Tonnen Weizen und Gerste in Drittländer.
Branche fordert eine größere deutsche Versorgungsrolle
Deutschland sollte angesichts zunehmender Angriffe auf Häfen, Schiffe und Exportwege im Schwarzen Meer mehr Verantwortung für die Versorgung ausländischer Getreidemärkte übernehmen. Das fordert der Deutsche Raiffeisenverband (DRV), der mehr als 1.600 Unternehmen der deutschen Agrar- und Ernährungswirtschaft vertritt.
DRV-Sprecher Marcus Gernsbeck sagte der Berliner Zeitung, die jüngsten globalen Verwerfungen zeigten, wie wichtig die Versorgung ausländischer Märkte im Rahmen der deutschen Möglichkeiten sei. Das gelte auch für Staaten außerhalb der Europäischen Union. Deutsches Getreide geht bereits vor allem nach Nordafrika und in den Nahen Osten. Beide Regionen zählen zugleich zu den wichtigsten Abnehmern von Weizen aus Russland und der Ukraine.
Exportweizen kommt vor allem aus dem Osten
Ein großer Teil des deutschen Qualitätsweizens für den Export stammt aus den ausgedehnten Ackerbauregionen im Osten, insbesondere aus Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen. Auch Bayern und Niedersachsen sind wichtige Herkunftsgebiete. Nach Angaben der Branche tragen diese Überschussregionen einen wesentlichen Teil der Lieferungen in Drittländer.
Deutschland versorgt sich bei Weizen und Gerste weitgehend selbst. Laut Gernsbeck ist das Land bei diesen Kulturen nicht auf Importe angewiesen und exportierte in den vergangenen Jahren jährlich rund 4 bis 4,5 Millionen Tonnen Weizen und Gerste in Drittländer. Der Verband der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft erklärte zudem, dass etwa 95 % des von deutschen Mühlen verarbeiteten Weizens aus heimischem Anbau stammen. Der Rest kommt überwiegend aus benachbarten EU-Staaten.
Störungen im Schwarzen Meer erhöhen Kosten und Risiken
Nach Angaben der Berliner Zeitung haben Russland und die Ukraine ihre Angriffe auf Häfen, Schiffe und Exportwege seit Anfang Juli deutlich intensiviert. Terminals fallen häufiger aus, Schiffe müssen warten und Routen werden unterbrochen. Da beide Länder zu den führenden Anbietern am globalen Getreidemarkt gehören, steigt der Druck auf alternative Exporteure wie Deutschland.
Nicht rechtzeitig verschiffte Mengen können eingelagert werden, sofern genügend Kapazitäten vorhanden sind. Stephanie Kröger, stellvertretende Geschäftsführerin für Agrar- und Handelspolitik beim Bundesverband Agrarhandel, erklärte, dass die Lagerung Kapital bindet, Kosten verursacht und mit zunehmender Dauer das Risiko von Qualitätsverlusten und Preisabschlägen erhöht. Aus einer Transportstörung kann damit ein unmittelbares finanzielles Problem für die Erzeuger werden.
Terminpreise steigen, Brot muss nicht teurer werden
Die internationalen Weizenterminpreise sind nach der jüngsten Eskalation bereits deutlich gestiegen, teilte der DRV mit. Der Verband erwartet dennoch nicht, dass höhere Weltmarktpreise für Getreide automatisch zu teurerem Brot in Deutschland führen. Gernsbeck zufolge liegt der Wert des Getreides in einem Brötchen lediglich im niedrigen Cent-Bereich.
Personalkosten, Energiepreise und bürokratische Aufwendungen beeinflussen die Verkaufspreise von Backwaren stärker, so der Verband. Für deutsche Landwirte und Händler könnte eine höhere Nachfrage aus Nordafrika und dem Nahen Osten jedoch zusätzliche Absatzmöglichkeiten für Qualitätsweizen schaffen. Ob sie diese nutzen können, hängt von verfügbaren Überschüssen, Lagerraum und Logistik ab, solange die Schwarzmeer-Routen unzuverlässig bleiben.