Protein wandert in Russland aus der Apotheke ins Lebensmittelregal
Der Apothekenabsatz proteinhaltiger Nahrungsergänzungsmittel in Russland sank von Januar bis Juli 2026 um 15,6 % in der Menge und um 16,9 % im Wert, während Lebensmittelhersteller wachsendes Interesse an High-Protein-Produkten in Molkereiprodukten, Snacks und Getränken verzeichnen. Die Durchschnittspreise spezialisierter Proteinmischungen fallen, obwohl Molkenproteinisolat in drei Jahren auf 28.000 Euro je Tonne gestiegen ist.
Die russische Nachfrage nach zusätzlichem Protein verlagert sich aus spezialisierten Nahrungsergänzungsmitteln und Sportnahrung in alltägliche Lebensmittelkategorien, berichtet logistics.ru. Von Januar bis Juli 2026 ging der Apothekenabsatz von Proteinpräparaten zweistellig zurück, während Lebensmittelhersteller ein wachsendes Interesse an eiweißreicher Kost registrieren. Fertige Proteinprodukte werden im Regal günstiger, obwohl die zentralen Rohstoffe deutlich teurer werden.
Apothekenkanal schrumpft, Gesamtverbrauch wächst
Nach Angaben von DSM Group sank der Apothekenabsatz proteinhaltiger Nahrungsergänzungsmittel in Russland von Januar bis Juli 2026 um 15,6 % in der Menge auf 238.200 Packungen und um 16,9 % im Wert auf 97,1 Millionen Rubel.
Die Kategorie insgesamt bewegt sich anders. Ljubow Andrejewa, Leiterin des Bereichs Nahrungsergänzungsmittel und Sportnahrung bei ZRPT, verweist auf ein Wachstum des Gesamtverbrauchs von Proteinpräparaten im Jahresvergleich. DSM-Group-Generaldirektor Sergei Schuljak führt den Rückgang in Apotheken darauf zurück, dass Käufer auf fertige High-Protein-Produkte umsteigen – auf Proteinriegel und spezialisierte Snacks im Lebensmitteleinzelhandel. Protein wird zunehmend zum Merkmal eines gewohnten Produkts statt zu einem separaten Kauf in der Apotheke oder im Sportnahrungsgeschäft.
Das Ausmaß dieser Verschiebung lässt sich bislang nicht beziffern. Der Rückgang der Apothekenverkäufe und das Wachstum bei Quark, Riegeln oder Getränken betreffen unterschiedliche Kanäle und Vergleichsbasen, weshalb die Apothekendaten nur einen Teil der Proteinnachfrage abbilden.
Molkereiprodukte zeigen die klarste Neupositionierung
In absoluten Zahlen bleibt die Verschiebung begrenzt. Artjom Below, Generaldirektor des Nationalen Verbands der Milcherzeuger, schätzt den Anteil eiweißreicher Produkte am Molkereimarkt auf weniger als 1–5 %. Die Kategorie wächst von einer kleinen Basis und ist volumenmäßig noch weit von einem Massensegment entfernt. Am deutlichsten zeigt sich die neue Positionierung bei Milchprodukten: Logika Moloka meldete für das erste Halbjahr 2026 folgende Mengenzuwächse:
- gepresster Quark: plus 21,8 %
- Weichquark: plus 62,1 %
- Quarkkörner in Sahne: plus 42,6 %
- krümeliger Quark: um das 9,5-Fache, wobei das Unternehmen einen Teil des Zuwachses auf eine Sortimentserneuerung zurückführt
Die Zahlen eines einzelnen Herstellers charakterisieren nicht den gesamten russischen Markt. Logika Moloka erklärt das erhöhte Käuferinteresse mit der Popularität eines gesunden Lebensstils und bewusster Ernährung und beobachtet die High-Protein-Positionierung inzwischen nicht nur bei Molkereiprodukten, sondern auch bei Getränken und Süßwaren. Spezialisierte Proteinmischungen konkurrieren damit um dieselbe Nachfrage wie Produkte anderer Kategorien: Verbraucher müssen nicht mehr auf separate Präparate umsteigen, um ihre Proteinzufuhr zu erhöhen.
Sinkende Regalpreise bei steigenden Rohstoffkosten
Nach Daten von ZRPT lag der gewichtete Durchschnittspreis von Protein-Nahrungsergänzungsmitteln im zweiten Quartal 2026 bei 1.480 Rubel und damit 9,5 % unter dem Vorjahreswert. Auf Produkte unterhalb des Durchschnittspreises entfielen 58,7 % des Angebots an Proteinmischungen. ZRPT führt die Entwicklung auf Sparsamkeit der Verbraucher und eine Sortimentsausweitung zurück; Andrejewa erklärt, russische Hersteller brächten mehr erschwingliche Produkte auf den Markt und verdrängten teurere Positionen teilweise.
Die Rohstoffe bewegen sich in die Gegenrichtung. Lebensmittelindustrie und Ergänzungsmittelhersteller verwenden Milchproteinkonzentrate, Molkenproteinisolate, Kasein, Kaseinate und weitere Zutaten. Nach Daten der Financial Times von Mai 2026 hat sich Molkenproteinisolat binnen drei Jahren verfünffacht – auf 28.000 Euro je Tonne. Alexander Schestkow, Geschäftsführer des Verbands der Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln, beziffert den Rohstoffpreisanstieg in Russland allein im ersten Quartal 2026 auf 25 %.
Hinter dem gesunkenen Durchschnittspreis fertiger Proteinpräparate steht also keine billigere Rohstoffbasis: Der Anteil günstiger Positionen wächst gerade dann, wenn die Schlüsselzutaten teurer werden. Hersteller müssen ihr Sortiment bei teureren Rohstoffen und günstigeren Regalpreisen ausweiten; Daten zur Wirkung auf die Margen liegen nicht vor.
Um den proteinorientierten Käufer konkurrieren inzwischen nicht nur Sportnahrungs- und Ergänzungsmittelhersteller, sondern auch Unternehmen aus den Bereichen Molkerei, Snacks, Getränke und Süßwaren. Die Marktteile entwickeln sich ungleich: Der Apothekenabsatz sinkt, der Gesamtverbrauch von Proteinpräparaten steigt, High-Protein-Positionen erscheinen in neuen Lebensmittelkategorien, und die Durchschnittspreise spezialisierter Mischungen fallen trotz teurerer Rohstoffe.
Vollständige Marktanalyse