Goldman warnt vor knapperem Zuckerangebot durch Super-El-Niño
Goldman Sachs zufolge könnte ein Super-El-Niño das exportierbare Zuckerangebot durch Ernteverluste, Unterbrechungen und eine höhere Ethanolnachfrage verringern. Brasilien, Indien und Thailand stehen für etwa 70 % der weltweiten Zuckerexporte.
Drei Länder dominieren das Exportangebot
Ein Super-El-Niño könnte den Weltzuckermarkt verknappen, indem er die Produktion in Brasilien, Indien und Thailand beeinträchtigt, warnt Goldman Sachs. Auf die drei Länder entfallen rund 70 % der weltweiten Zuckerexporte. Internationale Käufer sind damit stark von der Wetterentwicklung bei wenigen Lieferanten abhängig. Dürre während der Wachstumsphase sowie übermäßiger Regen oder Überschwemmungen zur Ernte können Menge und Qualität des zur Verarbeitung verfügbaren Zuckerrohrs mindern.
Das Risiko beschränkt sich nicht auf unmittelbare Ernteausfälle. Goldman Sachs nennt vier Wege, über die das Wetterphänomen das Exportangebot verringern könnte: niedrigere Zuckerrohrerträge, Ernteunterbrechungen, die Umleitung von Zuckerrohr in die Ethanolproduktion und vorsorgliche Exportbeschränkungen. Die Folgen könnten sich gegenseitig verstärken, wenn Regierungen bei gleichzeitig sinkender Agrarproduktion die Versorgung des Binnenmarktes priorisieren.
Unterschiedliche Risiken in den Anbauregionen
Brasilien als größter Zuckerexporteur ist an mehreren Stellen verwundbar. Starker Regen während der Ernte kann die Feldarbeit verzögern und den Zuckergehalt des Rohrs senken, selbst wenn die Erntemenge relativ hoch bleibt. Goldman Sachs zufolge könnte eine spätere Erholung des Zuckergehalts den unmittelbaren Preisdruck abschwächen. Die Bank bezeichnet außerdem den Zeitraum von Oktober 2026 bis April 2027 als entscheidend für die Entwicklung der brasilianischen Zuckerrohrernte 2027. Dürre in dieser Phase könnte die von April bis Oktober 2027 geerntete Rohrmenge reduzieren.
Der Wettbewerb mit dem Kraftstoffmarkt schafft eine weitere Unsicherheit. Goldman Sachs hebt Januar bis April 2027 als wichtige Phase für die brasilianische Maisernte hervor. Schwächt Dürre den Maisbestand, dessen Ernte von April bis September 2027 erwartet wird, könnten Ethanolhersteller mehr Zuckerrohr als Rohstoff benötigen. Damit stünde weniger Rohr für die Zuckerproduktion und weniger Ware für ausländische Käufer zur Verfügung.
Indiens Politik könnte Schwankungen verstärken
Indien birgt sowohl Produktions- als auch Politikrisiken. Das Land hat Zuckerexporte bis September 2026 verboten und die Einfuhrzölle auf Zucker abgeschafft. Beide Maßnahmen zeigen, dass die heimische Versorgung Vorrang hat. Goldman Sachs schätzt Indiens Anteil an den weltweiten Zuckerexporten auf rund 6 % und hält einen Wechsel vom bedeutenden Exporteur zum Nettoimporteur für möglich. Dadurch würde zugleich Angebot vom Weltmarkt verschwinden und zusätzliche Importnachfrage entstehen.
Der Preisausblick ist dennoch nicht eindeutig. Reuters berichtet, dass El Niño Brasilien in der zweiten Jahreshälfte übermäßigen Regen bringen und die laufende Ernte stören kann. Überdurchschnittliche Niederschläge könnten jedoch auch der nächsten Ernte zugutekommen. Carlos de Mello von Hedgepoint schätzt, dass selbst ein moderater El Niño Indiens Produktion um etwa 1 Million Tonnen senken könnte. Wegen der möglichen Vorteile für Brasiliens Ernte 2027 hält er ein klares Hausse-Szenario dennoch für schwer begründbar.
Für Raffinerien, Händler und industrielle Zuckerverbraucher liegt das Hauptproblem in der Risikokonzentration. Ausfälle in einem Erzeugerland lassen sich bisweilen durch andere Herkunftsländer ausgleichen. Gleichzeitige Störungen in Brasilien, Indien und Thailand würden die Alternativen jedoch erheblich einschränken. Marktteilnehmer werden daher Zuckerrohrqualität und Niederschläge in Brasilien, Produktion und Handelspolitik Indiens, die Ernteentwicklung in Thailand sowie die brasilianische Aufteilung des Rohrs zwischen Zucker und Ethanol beobachten. Zeitpunkt und Ausmaß dieser Entwicklungen entscheiden darüber, ob lediglich eine vorübergehende Risikoprämie oder ein breiterer Mangel an Exportzucker entsteht.