Europas Weinwirtschaft kämpft mit Überangebot, Nachfrageschwäche und längeren Verkäufen
Sinkende Bordeaux-Ausfuhren nach China, die Krisendestillation in Deutschland und längere Weingutsverkäufe zeigen den breiten Druck auf Europas Weinwirtschaft. Besonders schwierig ist die Lage für Fassweinbetriebe, während profilierte Flaschenweinerzeuger für Käufer interessant bleiben.
Bordeaux verliert einen wichtigen Exportmarkt
Europas Weinwirtschaft ist gleichzeitig mit Überproduktion, sinkender Nachfrage und einem schwierigeren Markt für Weingüter konfrontiert. FOOD AND WINE CULTURE Consulting aus Heidelberg, das Unternehmen der Lebensmittel- und Getränkeindustrie seit mehr als 30 Jahren berät, wertet die Entwicklungen in Bordeaux, Rheinhessen und am Markt für Weingutsverkäufe als branchenweiten Druck und nicht als isolierte regionale oder saisonale Probleme.
Bordeaux verdeutlicht das Ausmaß des Nachfrageeinbruchs. Unter Berufung auf die Frankfurter Allgemeine Zeitung teilte die Beratung mit, dass die Ausfuhr von Bordeaux-Wein nach China innerhalb von zehn Jahren von rund 550.000 auf 120.000 Hektoliter gesunken sei. Der Rückgang trifft eine Region, die bereits seit Jahren mit schwächerem Konsum kämpft, und verschärft die Schäden der jüngsten Waldbrände. Klassische tanninreiche Rotweine verlieren branchenweit an Nachfrage, während sich Weiß-, Rosé- und Schaumweine stabiler entwickeln.
Deutschland verarbeitet Überschüsse zu Industriealkohol
Als Reaktion werden Produktionskapazitäten abgebaut. In Bordeaux wurden binnen drei Jahren rund 30.000 Hektar Rebfläche mit staatlicher Förderung gerodet. Das kann das Angebot begrenzen, zeigt aber zugleich, wie groß die Lücke zwischen den vorhandenen Rebflächen und der aktuellen Nachfrage geworden ist. Die Erzeuger müssen entscheiden, ob sie ihre Produktion senken, ihr Sortiment verändern oder über andere Vertriebswege neue Kunden suchen.
Deutschland begegnet seinen eigenen Überschüssen mit einer Krisendestillation. Auf Antrag der Bundesregierung genehmigte die Europäische Union die Maßnahme für Winzer in Rheinhessen und Württemberg. Überschüssiger Rot- und Roséwein des Jahrgangs 2025 oder älter darf zu hochprozentigem Industriealkohol verarbeitet werden, unter anderem für Desinfektionsmittel. Aus der europäischen Agrarreserve kommen 43 Eurocent je Liter; weitere 16 Eurocent je Liter sind für Logistik und Destillationskosten vorgesehen.
Verbände und Landesministerien bezeichnen das Programm als kurzfristige Ausnahmemaßnahme. Es kann Lagerbestände abbauen und den unmittelbaren Druck auf Lagerkapazitäten und Preise mindern, beseitigt aber nicht die grundlegende Differenz zwischen Produktion und Verbrauch. Für Winzer, Genossenschaften und Verarbeiter ist dieser Unterschied bei Pflanzungs-, Investitions- und Einkaufsentscheidungen über den aktuellen Jahrgang hinaus entscheidend.
Käufer von Weingütern werden selektiver
Auch der Markt für Weingüter teilt sich nach Geschäftsmodell. Weingutsmakler Erhard Heitlinger sagte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, dass reine Fassweinbetriebe kaum noch Käufer fänden. Gut positionierte Flaschenweinerzeuger mit klarem Profil und stabilem Kundenstamm blieben dagegen gefragt. Damit werden Markenstärke, Vertriebswege und direkte Kundenbeziehungen für die Unternehmensbewertung ebenso wichtig wie der Rebflächenbesitz.
Verkaufsprozesse dauern laut Heitlinger inzwischen durchschnittlich fünf statt früher drei Jahre. Nach seiner Beobachtung beginnen viele Eigentümer zudem deutlich zu spät mit der Nachfolgeplanung. Familienweingüter und Investoren müssen Eigentumsübergänge deshalb vorbereiten, bevor finanzieller oder betrieblicher Druck einen Verkauf erzwingt. FOOD AND WINE CULTURE-Berater Cyriacus Schultze sieht weiterhin Handlungsspielraum, wenn Erzeuger Sortiment, Preisstruktur und Vertrieb an die veränderte Nachfrage anpassen. Die Entwicklungen in Frankreich und Deutschland zeigen jedoch, dass sowohl eine kommerzielle Neupositionierung als auch ein Abbau überschüssiger Kapazitäten erforderlich sein werden.