Deutsche Brauer setzen bei sinkendem Absatz auf alkoholfreies Bier
Der deutsche Bierabsatz sank 2024 um 1,4 % auf gut 82,5 Millionen Hektoliter und verlor binnen zehn Jahren fast 14 %. Steigende Kosten und veränderte Trinkgewohnheiten treiben Brauereien in alkoholfreie Produkte und breitere Getränkesortimente.
Fußballturnier bringt keinen Absatzschub
Deutschlands Brauereien suchen neue Wachstumsfelder, nachdem der Absatz klassischen Bieres trotz der Fußball-Europameisterschaft im eigenen Land zurückging. Wie WELT unter Berufung auf das Statistische Bundesamt berichtete, sank der Bierabsatz 2024 um 1,4 % auf gut 82,5 Millionen Hektoliter. Damit setzte sich der langfristige Rückgang fort: Binnen zehn Jahren verlor der Markt fast 14 % beziehungsweise 1,3 Milliarden Liter.
Das Turnier sorgte nicht für den üblichen saisonalen Impuls. Im Juni 2024 wurden in Deutschland lediglich 7,8 Millionen Hektoliter Bier abgesetzt, 13,5 % weniger als im Vorjahresmonat. In den 2010er-Jahren hatten die Juni-Werte während großer Fußballturniere zwischen 9,3 Millionen und 10,3 Millionen Hektolitern gelegen. Laut WELT beeinträchtigte nasskaltes Wetter öffentliche Übertragungen und private Feiern. Hinzu kam die allgemeine Konsumzurückhaltung.
Der Umschwung fiel besonders deutlich aus, weil der Absatz bis einschließlich Mai noch 2,5 % über dem schwachen Vorjahresniveau gelegen hatte. Im Sommer begann jedoch eine Talfahrt, die bis Dezember anhielt und den Gesamtmarkt ins Minus drückte.
Kosten und Demografie belasten die Betriebe
Christian Weber, Präsident des Deutschen Brauer-Bundes und Chef der Karlsberg-Brauerei in Homburg, führte die Schwäche auf höhere Lebenshaltungskosten und notwendige Preiserhöhungen zurück. Nach Angaben des Verbandes müssen Brauereien zugleich mehr für Rohstoffe, Energie und Personal zahlen. Außerdem altert die Bevölkerung, während immer mehr Verbraucher weniger oder gar keinen Alkohol trinken.
Besonders schwierig ist die Lage für kleine regionale Brauereien. Große Marken können ihren Absatz durch Werbung und breite Portfolios stützen. Kleinere Anbieter treffen dagegen auf die Verhandlungsmacht des Handels, höhere Beschaffungskosten und erheblichen Investitionsbedarf für Energie- und Klimaziele. WELT berichtete, dass bereits 2024 erste kleinere Unternehmen aufgegeben hätten. Die Branche rechnet mit weiterer Konsolidierung.
Klassisches Bier behält dennoch Marktchancen. Veltins-Geschäftsführer Volker Kuhl sieht weiterhin ausreichend Potenzial in diesem Segment. Der Marktanteil der Stammmarke stieg von 4 % im Jahr 2012 auf 6,6 % im Jahr 2024. Zum Sortiment gehören Pils, Grevensteiner, Pülleken und Helles Lager, das auch für den Export vorgesehen ist.
Alkoholfrei entwickelt sich zum Wachstumsmotor
Die klarste Alternative bietet alkoholfreies Bier. Von WELT zitierte Nielsen-Schätzungen beziffern seinen Anteil im Getränkehandel auf knapp 9 %. Damit liegt die Kategorie hinter Pils und Hellem bereits auf Platz drei. In den ersten drei Quartalen 2024 stieg der Absatz alkoholfreier Biere im Handel trotz des rückläufigen Gesamtmarktes um 13 %. In der amtlichen Bierabsatzstatistik wird die Kategorie nicht erfasst.
Weber erwartet, dass bald jedes zehnte verkaufte Bier alkoholfrei sein wird. Die Hersteller reagieren mit neuen Angeboten: Augustiner brachte nach rund 700 Jahren Braugeschichte erstmals ein alkoholfreies Produkt auf den Markt. Veltins produziert rund 220.000 Hektoliter alkoholfreies Bier bei einem Gesamtausstoß von etwa 3,36 Millionen Hektolitern.
Brauereien verbreitern ihr Getränkeangebot
Weitere Hersteller entwickeln sich von klassischen Brauereien zu breiter aufgestellten Getränkeanbietern. Zum Portfolio von Krombacher gehören Schweppes, Orangina und Dr. Pepper, während Paulaner Spezi in großem Umfang verkauft. Auch Hunderte kleinere Brauer produzieren Limonaden, meist für regionale Märkte.
Die Diversifizierung schafft zusätzliche Erlöse, beseitigt aber nicht den Investitionsdruck. Die Betriebe müssen Modernisierung und Energieprojekte finanzieren und zugleich ihre Margen im schrumpfenden Stammgeschäft verteidigen. Am besten gerüstet sind Unternehmen, die starke klassische Marken mit alkoholfreiem Bier und Erfrischungsgetränken verbinden und über die nötige Größe zur Finanzierung neuer Kapazitäten und Technologien verfügen.