Accell-Insolvenz erhöht den Druck auf Europas Fahrradindustrie
Accell hat in den Niederlanden Zahlungsaufschub beantragt und Insolvenzverfahren für Tochtergesellschaften angekündigt, nachdem keine tragfähige Lösung gefunden wurde. Der Fall folgt auf Jahre mit hohen Lagerbeständen, Rabattschlachten und schwächerer Nachfrage im europäischen Fahrradmarkt.
Accell leitet Insolvenzverfahren ein
Die Accell Group, einer der führenden Fahrradkonzerne Europas, ist zahlungsunfähig und hat in den Niederlanden Zahlungsaufschub beantragt, berichtete die WirtschaftsWoche. Für Tochtergesellschaften kündigte die Gruppe Insolvenzverfahren an. Zum Portfolio gehören Ghost, Winora, Babboe, Batavus, Raleigh, Haibike, Lapierre und der Teilelieferant XLC.
Nach Angaben von Accell führten auch umfangreiche Bemühungen zu keiner tragfähigen Lösung, mit der das Unternehmen in seiner bisherigen Form hätte fortgeführt werden können. CEO Jonas Nilsson bezeichnete die Lage nach den Versuchen zur operativen und finanziellen Restrukturierung als zutiefst traurig und frustrierend. Nun gehe es darum, gemeinsam mit den gerichtlich eingesetzten Verwaltern lebensfähige Geschäftsbereiche und Arbeitsplätze zu erhalten, soweit es die Umstände zulassen. Der Betrieb läuft zunächst weiter, doch Eigentümerstruktur und Zuschnitt der Gruppe sind offen.
Im Zuge einer Restrukturierung übernahmen die Gläubiger im Februar die Kontrolle über Accell. Bloomberg berichtete laut WirtschaftsWoche, dass sie anschließend versuchten, den Konzern zu verkaufen. Als Käufer war die asiatische Tri Star Group vorgesehen, eine Tochter der in Singapur ansässigen Dutech Group. Das Bundeskartellamt genehmigte die Transaktion im Juli. Dennoch kam sie nicht zustande; beide Seiten haben die Gründe bisher nicht öffentlich erklärt. Accell teilte lediglich mit, alle möglichen Wege einschließlich Gesprächen mit mehreren Interessenten geprüft zu haben.
Bestände aus der Pandemie belasten den Markt
Die Probleme von Accell sind Teil einer breiteren Korrektur in der europäischen Fahrradindustrie. Während der Corona-Zeit stieg die Nachfrage stark, weil Reisen und andere Freizeitaktivitäten eingeschränkt waren. Hersteller bauten ihre Kapazitäten aus, während Händler angesichts gestörter asiatischer Lieferketten und sprunghaft gestiegener Frachtkosten Fahrräder und Komponenten einlagerten. Als die Nachfrage nachließ, blieben die Lager voll.
Rabatte halfen beim Bestandsabbau, belasteten jedoch die Profitabilität und verlängerten den Preisdruck. Einer von der WirtschaftsWoche zitierten EY-Analyse zufolge sank der Umsatz des europäischen Fahrradmarkts 2025 um 3 % auf 17,4 Milliarden Euro. 2022 waren es noch mehr als 22 Milliarden Euro. Die Bestände gehen allmählich zurück, doch Hersteller und Händler spüren weiterhin die Folgen überhöhter Bestellungen und aggressiver Preisaktionen. VanMoof, Prophete, YT Industries, HiBike und Simplon zählen zu den Unternehmen, die bereits von Insolvenzen betroffen waren.
Bei Accell kamen eigene Belastungen hinzu. Ein Konsortium um den US-Investor KKR kaufte die Gruppe 2022 für rund 1,6 Milliarden Euro und legte einen Teil des Kaufpreises als Schulden auf Accell. Nach dem Ende des Pandemiebooms mussten die Eigentümer das Unternehmen mehrfach finanziell stützen. KKR schoss weiteres Kapital zu, stieg aber aus, als Accell im Februar mit Gläubigern und Eigentümern eine neue Finanzierung vereinbarte.
Zusätzlichen Druck erzeugte der Massenrückruf bei der Lastenradmarke Babboe im Jahr 2024. Die niederländische Behörde für Lebensmittel- und Verbrauchsgütersicherheit stoppte den Verkauf von Babboe-Lastenrädern, weil Sicherheitsmängel in einigen Fällen zu Rahmenbrüchen geführt hatten. Der BBE-Fahrradexperte Florian Schöps sagte der WirtschaftsWoche, der Rückruf habe Accell belastet und das Vertrauen in den gesamten Lastenradmarkt geschwächt, besonders in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Marken könnten einzeln verkauft werden
Das größte unmittelbare Risiko tragen Händler, deren Sortiment stark von Accell-Marken abhängt. Die Branche befindet sich mitten in der Bestellphase für 2027. Betroffene Händler müssen daher klären, ob bestellte Ware geliefert wird und welche Lieferanten Alternativen anbieten können. Nach Angaben von Schöps liegt Accells Marktanteil in Deutschland im mittleren einstelligen Bereich. Ein Wegfall der Gruppe dürfte den Fahrradabsatz deshalb kaum verringern, weil Kunden nur begrenzt markentreu sind.
Die psychologische Wirkung auf Hersteller, Gläubiger und Händler könnte größer sein als der Mengeneffekt. Accell galt einst als Beispiel einer erfolgreichen, durch Zukäufe getragenen Wachstumsstrategie und wurde vor allem bei E-Bikes zu einem führenden europäischen Anbieter. Die Insolvenz zeigt, dass auch ein großes Markenportfolio die Kombination aus Schulden, Überbeständen, Rabatten und schwächerer Nachfrage nicht auffangen konnte.
Potenzielle Käufer könnten nun einzelne Vermögenswerte statt der gesamten Gruppe übernehmen. Schöps nannte Haibike, Ghost, Lapierre, Raleigh, Winora und XLC als attraktivere Geschäftsteile. Für Koga, Sparta, Babboe und Batavus schätzt er die Aussichten auf dem deutschen Markt schwieriger ein. Auch Dutech könnte als Bieter für ausgewählte Bereiche zurückkehren. Der Ausgang entscheidet darüber, welche Marken unter neuen Eigentümern Produktion, Vertrieb und Händlerbetreuung fortsetzen können.