Russische Roheisenproduktion sinkt im ersten Halbjahr 2026 um fast 6 Prozent, Ural-Werken wird der Binnenmarkt empfohlen
Russlands Stahlindustrie hat das erste Halbjahr 2026 mit negativer Dynamik abgeschlossen: Die Roheisenerzeugung ging laut Rossijskaja Gaseta gegenüber dem Vorjahreszeitraum um fast 6 Prozent zurück, auch die Stahlproduktion sank. Der Absatz ist für die Mehrheit der Werke, auch im Ural, zum akuten Problem geworden. Bis zu 75 Prozent der in Russland verwendeten nichtrostenden Flachprodukte kommen weiterhin aus dem Ausland.
Roheisenerzeugung im Halbjahr fast 6 Prozent niedriger
Russlands Eisen- und Stahlindustrie hat das erste Halbjahr 2026 im negativen Bereich abgeschlossen, berichtet Rossijskaja Gaseta. Die Roheisenerzeugung sank gegenüber dem Vorjahreszeitraum um fast 6 Prozent, auch die Stahlproduktion ging zurück. Am deutlichsten wirkt der Rückgang im Ural, wo die Branche historisch systemrelevant ist und wo laut der Zeitung inzwischen die Mehrheit der Werke mit dem Absatzproblem konfrontiert ist.
Der Druck kommt von außen wie von innen. Denis Manturow, Erster Stellvertretender Ministerpräsident der Russischen Föderation, erklärte, die russische Metallurgie nehme weiterhin einen der führenden Plätze weltweit ein und gehöre stabil zu den fünf größten Produzenten von Metallerzeugnissen. Zugleich werde der Weltmarkt immer wettbewerbsintensiver, der Handelsprotektionismus nehme zu, neue Beschränkungen entstünden und die Geografie der Nachfrage verändere sich. Eine weitere Stärkung der inländischen Hersteller hänge daher unmittelbar von hochtechnologischen Erzeugnissen, höherer Produktionseffizienz und der Einführung digitaler Technologien ab. Der Übergang vom Wettbewerb über Mengen zum Wettbewerb über Technologie und Qualität werde zur Grundbedingung für langfristigen Erfolg.
Nichtrostende Flachprodukte als größtes Substitutionsziel
Das deutlichste Beispiel für neue inländische Kapazität ist der Komplex, den die Russische Edelstahlgesellschaft (RNK) im Gebiet Wolgograd für nichtrostende Flachprodukte aus korrosionsbeständigen, hitzebeständigen und warmfesten Stählen errichtet. Bis zu 75 Prozent dieser Erzeugnisse werden heute aus dem Ausland nach Russland geliefert. Stanislaw Olkow, Generaldirektor von RNK, sagte, mit dem Erreichen der vollen Kapazität des Walzwerks werde sich der Verbrauch von in Russland produziertem Ferrochrom verdoppeln, darunter aus Ural-Betrieben wie dem Elektrometallurgischen Kombinat Tscheljabinsk.
Ein weiteres Substitutionsprojekt betrifft VSMPO-AVISMA: Der Konzern hat als erstes Unternehmen des Landes die Fertigung großformatiger gesenkgeschmiedeter Stahlrohlinge für Kurbelwellen aufgenommen, die in leistungsstarken Dieselmotoren für Diesellokomotiven, Schiffe und Energieanlagen eingesetzt werden.
Produktivität fast vervierfacht, doch die Technik ist importiert
Nach Angaben des Verbands Russki Stal hat die seit Anfang der 2000er Jahre laufende tiefgreifende Modernisierung die Produktivität nahezu vervierfacht. Weitere Steigerungen sollen IT-Lösungen, künstliche Intelligenz, Robotik und maschinelles Sehen bringen, die das Personal von Routine- und Gefahrentätigkeiten entlasten und die Produktqualität verbessern.
Rossijskaja Gaseta nennt die Hürden auf diesem Weg:
- unzureichendes Tempo der Importsubstitution, etwa bei Produktionsleitsystemen;
- fortbestehende Importabhängigkeit: 80 Prozent der in Russland eingesetzten Roboter stammen aus dem Ausland;
- weltweiter Rückstand beim Tempo der Robotisierung und bei der Qualifikation des Personals für neueste Technik.
Es gibt auch Durchbrüche. Auf der Industriemesse Innoprom-2026 im Juli in Jekaterinburg stellten russische Metallurgen ein eigenes offenes Prozessleitsystem vor, das sie mit Kollegen teilen wollen und das die Branche von den einschneidenden Nutzungsbedingungen importierter Analoga befreien soll.
Von Mengen zur Spezialisierung
Die inländische Kooperation ist ein weiterer wichtiger Entwicklungsvektor für die Metallurgie und die gesamte Industrie. Alexander Popow, Generaldirektor von Metalloinvest, zeigte sich zufrieden mit der Zusammenarbeit mit Uralmaschsawod, das den Hüttenwerken sowohl traditionelle als auch neu entwickelte importsubstituierende Erzeugnisse liefert. Aus üblichen Geschäftsbeziehungen werde laut Popow Synergie, wenn Metallurgen ihre ingenieurtechnische Erfahrung und ihr Wissen an den Maschinenbau weitergeben.
Wiktor Semjonow, Generaldirektor des nach Akademiemitglied Bardin benannten Instituts ZNIItschermet, sieht den nächsten Vektor im Verzicht auf Überproduktion, im Übergang vom internen Wettbewerb zur Spezialisierung und in der Fertigung neuer Produktarten: Feinstahl für lokalen Bedarf sowie Metallpulver, Sonderstähle, Speziallegierungen und Präzisionslegierungen, die von Hightech-Sektoren wie Maschinenbau, Kernenergie, Flugtriebwerksbau und Raumfahrt nachgefragt werden. Semjonow bezeichnete 2026 als Wendejahr: Die Branche habe begonnen, ihre Geschäftsansätze dynamisch zu verändern, es fänden grundlegende Transformationen statt. Ein detailliertes Profil der russischen Metallurgie als Auftraggeber und Hersteller innovativer Produkte solle seiner Ansicht nach spätestens in den kommenden fünf Jahren entstehen.