Russische Stahlindustrie gegen Exportbeschränkungen für Steinkohlenbenzol
Der Verband der russischen Eisenhüttenindustrie Russkaja Stal hat das Industrie- und Handelsministerium gebeten, den Export von Steinkohlenbenzol nicht zu beschränken, berichtet Kommersant. Rohbenzol fällt als Nebenprodukt der Koksproduktion an und kann wegen hoher Explosionsgefahr im Schnitt höchstens eine Woche gelagert werden. Eine Regierungskommission prüft ein Ausfuhrverbot für aromatische Kohlenwasserstoffe.
Der Verband der russischen Eisenhüttenindustrie Russkaja Stal hat das Industrie- und Handelsministerium gebeten, die Ausfuhr von Steinkohlenbenzol aus Russland nicht zu beschränken. Kommersant, der Zeitung liegt eine Kopie des Schreibens vor, berichtet, dass es unter anderem an den stellvertretenden Minister Roman Tschekuschow gerichtet war; die Zeitung habe dem Ministerium Fragen übermittelt.
Anlass ist die Diskussion über ein Ausfuhrverbot für einzelne Erzeugnisse der petrochemischen Industrie, mit dem der gestiegene Bedarf der Benzolverbraucher gedeckt werden soll, heißt es in dem von Kommersant zitierten Schreiben.
Nebenprodukt-Ökonomie der Kokereien
Rohbenzol ist ein Nebenprodukt der Koksproduktion in Kokereichemiebetrieben, erläutert Russkaja Stal in dem Schreiben. Daraus wird anschließend Reinbenzol synthetisiert, das an andere Branchen geliefert wird. Historisch lag die russische Produktion von Steinkohlenrohbenzol über der Inlandsnachfrage; der Export löste für die Kokereien das Absatzproblem. Da das Produkt gemeinsam mit dem Koks anfällt und nicht auf Bestellung hergestellt wird, richtet sich seine Menge nach dem Koksbetrieb und nicht nach dem Benzolmarkt.
Eine Woche Lagerung und Drohnenrisiko
Eine Bevorratung sei nicht möglich, betont der Verband. In Hüttenwerken ist wegen der erhöhten Explosionsgefahr eine Lagerung von durchschnittlich höchstens einer Woche vorgesehen. Aus demselben Grund, so das Schreiben, seien größere zeitliche Lücken zwischen den Lieferungen an die Verbraucher nicht hinnehmbar, ebenso wenig ein Lageraufbau unter den derzeitigen Bedingungen hoher terroristischer Risiken, einschließlich Angriffen mit Drohnen.
- Steinkohlenrohbenzol fällt als Nebenprodukt der Verkokung an und lässt sich nicht unabhängig von der Koksproduktion steuern.
- Die durchschnittliche Lagerdauer in den Hüttenwerken beträgt höchstens eine Woche.
- Die Inlandsproduktion übertraf historisch die Inlandsnachfrage, den Überschuss nahm der Export auf.
Benzinherstellung als Ursache der Knappheit
Die Regierungskommission für wirtschaftliche Entwicklung und Integration erörtert ein mögliches Exportverbot für aromatische Kohlenwasserstoffe einschließlich Benzol, sagten Gesprächspartner gegenüber Kommersant. Diese Verbindungen würden zunehmend als Komponente bei der Benzinherstellung eingesetzt, was einen Rohstoffmangel für die Petrochemie geschaffen und die Preise getrieben habe. Die diskutierte Beschränkung soll die Verfügbarkeit von Aromaten für die inländische Petrochemie erhöhen.
Russkaja Stal arbeitet nach eigenen Angaben gemeinsam mit Unternehmen an einer möglichen Umlenkung eines Teils der Exportmengen, um die Kokereichemiebetriebe von Evraz zusätzlich auszulasten; dort bestehen Kapazitäten zur Verarbeitung von Rohbenzol zu Reinbenzol. Damit bliebe das Material im Land, ohne dass die Kokereien auf nicht absetzbaren Mengen sitzen blieben.
Nachgelagerte Folgen: Phenol, Harze, Lacke
Der Rohstoffmangel hat laut Kommersant bereits die Produktion von Industrieharzen für die Holzverarbeitung erreicht. In dieser Kette wird Phenol eingesetzt, das aus Benzol und Propylen gewonnen wird; der Mangel hat die Preise auf Rekordniveau getrieben. Der Wettbewerb um Rohstoffe geht nicht allein von der Benzinherstellung aus: Orthoxylol und Toluol dienen auch als Lösungsmittel in der Lack- und Farbenindustrie, sodass eine Umverteilung der Lieferungen mehrere Abnehmerbranchen zugleich betrifft.