Polens Düngemittelexporte in die Ukraine: Zollcodes erschweren Preisvergleich
Die Behauptung, polnischer Harnstoff werde weit unter Inlandspreisen in die Ukraine geliefert, stützt sich auf einen Durchschnitt der breiten Stickstoffdünger-Kategorie CN 3102. Produktmix, Händler und Reexporte verhindern, dass dieser Zollwert als Preis eines bestimmten Herstellers oder Produkts gelten kann.
Durchschnittlicher Zollwert löst Kontroverse aus
Eine Debatte über polnische Düngemittelexporte in die Ukraine begann, nachdem Landwirt Hubert Ojdana anhand von Daten des Entwicklungs- und Technologieministeriums Durchschnittswerte für Lieferungen unter CN 3102 berechnet hatte. Bei einem Wechselkurs von 4,3 Zloty je Euro bezifferte er sie auf 1.247 Zloty je Tonne im Jahr 2024, 1.435 Zloty im Jahr 2025 und 1.709 Zloty im Jahr 2026. Die Abgeordnete Magdalena Filipek-Sobczak stellte einem Exportdurchschnitt von rund 1.700 Zloty je Tonne Preise von 3.000-3.500 Zloty gegenüber, die polnische Landwirte gezahlt haben sollen.
Der Vergleich belegt nicht, dass identischer Dünger im Ausland billiger verkauft wurde. Laut Farmer.pl wurde für 2025 ein Exportwert von 148 Millionen € durch 443.083 Tonnen geteilt, woraus sich rund 1.436 Zloty je Tonne ergaben. CN 3102 umfasst jedoch mineralische oder chemische Stickstoffdünger insgesamt und nicht nur Harnstoff. Darunter fallen unter anderem Ammoniumnitrat, Kalkammonsalpeter, Flüssigdünger, Ammoniumsulfat und Harnstoff mit unterschiedlichen Nährstoffgehalten und Preisen.
Ukraine übernimmt wachsenden Anteil der Lieferungen
Nach Zahlen des polnischen Instituts für Agrar- und Ernährungswirtschaft, die Farmer.pl anführte, war die Ukraine von Januar bis November 2025 wie bereits im Gesamtjahr 2024 der größte Auslandsmarkt für in Polen hergestellten Dünger. Die Lieferungen erreichten 722.000 Tonnen und damit 25 % des polnischen Exportvolumens. Schon in den ersten elf Monaten 2025 wurde der bisherige Jahreshöchststand von 703.000 Tonnen aus dem Jahr 2023 übertroffen.
In einer Antwort des Ministeriums auf Filipek-Sobczaks parlamentarische Anfrage hieß es, Polen habe 2025 rund 30,8 % der ukrainischen Düngemittelimporte gestellt. Der Wert wurde mit 368,595 Millionen $ angegeben. Von 2021 bis 2025 stieg der Wert der ukrainischen Einfuhren aus Polen durchschnittlich um 10 % pro Jahr und allein 2025 um 37 % gegenüber dem Vorjahr. Mehrnährstoffdünger waren ebenfalls bedeutend: Sie stellten 38,5 % der Ausfuhrmenge mineralischer Dünger in die Ukraine und 51,3 % ihres Wertes.
Produktmix, Händler und Reexporte sind entscheidend
Grupa-Azoty-Sprecher Grzegorz Kulik erklärte gegenüber Farmer.pl, der Wert je Tonne sei ein Durchschnitt mehrerer Transaktionen und nicht mit dem Preis eines bestimmten Herstellers für einen bestimmten Kunden gleichzusetzen. Harnstoff, das teuerste Produkt im Stickstoffdünger-Korb, machte nach Unternehmensangaben nur rund 20 % der gesamten Ausfuhren in die Ukraine aus. Grupa Azotys eigener Anteil an den polnischen Exporten von Düngeharnstoff dorthin lag unter 1 %; zugleich lagen die Exportpreise des Unternehmens in den untersuchten Zeiträumen deutlich über seinen Inlandspreisen.
Das Unternehmen erklärte außerdem, Exporte ergänzten das Inlandsgeschäft außerhalb der relativ kurzen polnischen Anwendungssaison und verbesserten die Auslastung kontinuierlich produzierender Anlagen. Die Zollstatistik erfasst Lieferungen aus Polen, nicht ausschließlich Verkäufe polnischer Hersteller. Auch Distributoren, internationale Händler und Transitunternehmen sind beteiligt. Polen importiert erhebliche Harnstoffmengen unter anderem aus Ägypten und Algerien; ein Teil davon kann anschließend in die Ukraine reexportiert werden. Ein belastbarer Vergleich muss deshalb Produktspezifikation, Nährstoffgehalt, Lieferbedingungen, Transaktionszeitraum und Marktteilnehmer abgleichen, statt Wert und Menge der gesamten Kategorie CN 3102 zu dividieren.