EU-Parlament streicht CBAM-Schutzklausel: Harnstoff in Apulien um fast 56 Prozent teurer
Die Abstimmung des Europäischen Parlaments über die neue Ausgestaltung des CO2-Grenzausgleichsmechanismus hat eine Klausel gestrichen, die eine vorübergehende Aussetzung bei schweren Marktstörungen erlaubt hätte. Coldiretti Puglia spricht von einem Verrat an den Landwirten: Harnstoff kostet statt 45 nun 70 Euro je 100 Kilogramm, Phosphatdünger über 100 Euro. Kupfer und Schwefel verteuerten sich um mehr als 30 Prozent.
Parlament streicht die CBAM-Schutzklausel
Die Abstimmung des Europäischen Parlaments über die neue Ausgestaltung des CO2-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM) hat einen Konflikt mit italienischen Bauernvertretern ausgelöst. Nach deren Darstellung nimmt die Streichung einer Schutzklausel den landwirtschaftlichen Betrieben in einer Phase stark steigender Betriebsmittelkosten jede Absicherung. Coldiretti Puglia, die Regionalorganisation der italienischen Landwirte, bezeichnete die Aufhebung als inakzeptablen Verrat an Landwirten und Bürgern, wie puglialive.net berichtet.
Die strittige Klausel hätte es erlaubt, den Mechanismus bei schwerwiegenden und unvorhergesehenen Marktstörungen vorübergehend auszusetzen. Ihre Streichung lässt die Betriebe nach Einschätzung von Coldiretti Puglia genau dann ohne Sicherheitsnetz zurück, wenn sich die Preise zentraler Vorleistungen am schnellsten bewegen. Die Organisation stellt die Abstimmung in den Zusammenhang eines Kostenumfelds, das von geopolitischen Spannungen und Kriegen geprägt ist, die die Volatilität an den Energie- und Rohstoffmärkten weiter anheizen – angefangen beim Kraftstoff.
Harnstoff plus 56 Prozent, Phosphate über 43 Prozent
Die von Coldiretti Puglia genannten Zahlen zeigen einen erneuten Preisschub bei Düngemitteln und Pflanzenschutzmitteln in der Region:
- Harnstoff: von 45 auf 70 Euro je 100 Kilogramm, ein Plus von fast 56 Prozent.
- Phosphatdünger und Bioammoniumphosphat: von rund 70 auf über 100 Euro je 100 Kilogramm, ein Plus von mehr als 43 Prozent, bei weiter steigenden Preisen.
- Kupfer: mehr als 30 Prozent teurer, weitere Steigerungen werden erwartet.
- Schwefel: mehr als 30 Prozent teurer, weitere Steigerungen werden erwartet.
„Diese Entscheidung bereitet große Sorge, denn sie fällt genau in eine Phase, in der wir auf den apulischen Feldern einen neuen Anstieg der Düngerkosten erleben“, sagte Alfonso Cavallo, Präsident von Coldiretti Puglia. „Diese Kosten gehen unmittelbar in die Bilanzen der Betriebe ein, und die Landwirte können sie schlicht nicht auf den Preis ihrer eigenen Erzeugnisse überwälzen. Ausgerechnet jetzt eine Schutzklausel zu streichen, heißt, die Betriebe ohne Sicherheitsnetz Schocks auszusetzen, die sehr schwer werden können.“
Druck über die gesamte Kulturenstruktur Apuliens
Die Verteuerung betrifft laut Coldiretti Puglia quer durch die wichtigsten Erzeugnisse der Region: von Hartweizen über Obst und Gemüse und Tafeltrauben bis zum Olivenanbau und zu Spezialkulturen, die während des gesamten Produktionszyklus Behandlungen erfordern. Kupfer und Schwefel sind dabei mehr als Düngemittel: Beide sind Standardmittel im Pflanzenschutz und werden in Weinbergen und Olivenhainen innerhalb einer Saison mehrfach eingesetzt, sodass auch die Behandlungsbudgets belastet werden.
Coldiretti Puglia beschreibt die Region als die landwirtschaftlichste Italiens, mit einer diversifizierten Erzeugung von Hartweizen über natives Olivenöl extra und Wein bis zu Tafeltrauben und zahlreichen Obst- und Gemüsekulturen. Diese Struktur sichert Wertschöpfung, Beschäftigung und Exporte, steht international aber im Wettbewerb mit Erzeugern, für die andere Kosten und andere Produktionsregeln gelten. Der neue Düngerschub kommt zu ohnehin hohen Ausgaben für Energie, Kraftstoff, Wasser, Arbeitskräfte, Bewässerung, Behandlungen und Feldarbeiten hinzu.
Einkauf kommt vor dem Erlös
Die Kostensteigerung erschwert auch die Planung der Anbausaison. Die Preislisten ändern sich schnell, während der Düngerkauf lange vor dem Verkauf der Ernte erfolgen muss, betont Coldiretti Puglia – ein zusätzlicher Unsicherheitsfaktor neben der Volatilität der Agrarpreise und den zunehmend schweren Folgen von Wetterereignissen für die Erträge.
„Wir können die europäische Ernährungssicherheit nicht aufbauen, indem wir das Produzieren in Europa immer schwieriger machen“, sagte Pietro Piccioni, Direktor von Coldiretti Puglia. Steigerungen von mehr als 50 Prozent bei einzelnen Düngemitteln brächten zusammen mit höheren Kosten bei allen übrigen Vorleistungen die wirtschaftliche Tragfähigkeit der Betriebe ernsthaft in Gefahr. Die Organisation verweist zugleich auf eine aus ihrer Sicht weiterhin zu große Spanne zwischen dem, was Landwirte für ihre Erzeugnisse erhalten, und dem, was die Bürger für Lebensmittel zahlen, und warnt vor einer weiteren Kompression der Betriebseinkommen.