Dürre und alternde Kraftwerke erhöhen das Stromversorgungsrisiko in Bosnien und Herzegowina
Bosnien und Herzegowina könnten Strombeschränkungen drohen, wenn eine längere Dürre die Wasserspeicher leert, warnt Energieexperte Edhem Bičakčić. Mehr als die Hälfte des Stroms stammt weiterhin aus Wärmekraftwerken, während ausreichende Ersatzkapazitäten fehlen.
Dürre legt Abhängigkeit von Speichern offen
Bosnien und Herzegowina könnten Beschränkungen der Stromversorgung drohen, weil Dürre, alternde Erzeugungsanlagen und jahrelang aufgeschobene Investitionen die Fähigkeit zur Deckung der Nachfrage schwächen. Davor warnte der Energieexperte und frühere Premierminister der Föderation Bosnien und Herzegowina, Edhem Bičakčić, in einem von tportal.hr aufgegriffenen Interview mit dem Fernsehsender N1.
Der Klimawandel bringe längere Trockenperioden, Brände, extreme Niederschläge und Überschwemmungen mit direkten Folgen für die Energiesicherheit, sagte Bičakčić. Eine günstige Wasserführung habe in diesem Jahr geholfen, die Speicherstände zu halten. Eine anhaltende Dürre könne die Lage jedoch rasch verändern. Wenn sich die Speicher schnell leerten und schließlich erschöpft seien, blieben als nächster Schritt Einschränkungen der Stromversorgung.
Die Zusammensetzung des Stromsystems verschärft das Risiko. Nach Daten der staatlichen Stromregulierungskommission DERK erzeugen Wärmekraftwerke weiterhin mehr als die Hälfte des Stroms. Erneuerbare Energien liefern rund 45,4% der Produktion, wobei Wasserkraft den größten Anteil stellt, gefolgt von Solar- und Windkraft. Damit hängt ein beträchtlicher Teil der erneuerbaren Erzeugung von Niederschlägen und Wasserverfügbarkeit ab.
Nachfrage wächst schneller als Ersatzkapazität
Der Stromverbrauch steigt laut Bičakčić durch die wachsende Zahl von Klimaanlagen, Wärmepumpen und anderen elektrisch betriebenen Geräten. Neue Erzeugungskapazitäten wurden nicht in ausreichendem Umfang geschaffen. Höhere Nachfrage und wetterabhängige Wasserkraft lassen dem System deshalb weniger Spielraum bei anhaltender Hitze und Trockenheit.
Trotz der Verpflichtung, seit dem Beitritt zur Energiegemeinschaft im Jahr 2006 der europäischen Energiepolitik zu folgen, bleibt das Land stark von thermischer Erzeugung abhängig. Nach Einschätzung von Bičakčić wurde die Energiewende verzögert und die Kohleförderung vernachlässigt, bevor geeignete Ersatzquellen verfügbar waren. Er plädiert nicht für einen Verzicht auf die Wende, sondern für eine schrittweise Stilllegung bestehender Anlagen erst nach dem Bau neuer Kapazitäten.
Diese Reihenfolge ist für Erzeuger und große Stromverbraucher entscheidend. Fällt verlässlich verfügbare thermische Leistung weg, bevor genügend Solar-, Wind-, Wasser- oder sonstige Ersatzkapazität bereitsteht, kann das Angebot bei ungünstigem Wetter knapp werden. Versorger müssen Speicher sorgfältiger steuern und Investitionen rechtzeitig treffen, während Industriebetriebe einem höheren Risiko möglicher Einschränkungen ausgesetzt sind.
CBAM erhöht den Reformdruck
Die europäischen CO2-Regeln setzen eine zusätzliche Frist. Tportal.hr berichtet, dass die vollständige Anwendung des CO2-Grenzausgleichssystems der EU, CBAM, Anfang 2026 begonnen hat. Bosnien und Herzegowina müsse deshalb laut Bičakčić ein System zur Bepreisung von Kohlendioxidemissionen einführen, einen organisierten Strommarkt aufbauen und die Zertifizierung von Strom aus erneuerbaren Quellen ermöglichen.
Nach seinen Angaben ist Bosnien und Herzegowina das einzige Land ohne Strombörse. Zudem fehle eine Agentur zur Zertifizierung grüner Energie. Diese Institutionen sind nicht nur für die Steuerung des heimischen Systems wichtig: CO2-Kosten und Herkunftsnachweise gewinnen für Stromanbieter und Industrieunternehmen mit Geschäft auf europäischen Märkten an Bedeutung.
Der kurzfristige Versorgungsausblick bleibt von der Wasserführung abhängig. Günstige Bedingungen haben die Speicher in diesem Jahr gestützt, doch alternde Anlagen, begrenzte Neubaukapazitäten, wachsender Verbrauch und eine unvollständige Marktinfrastruktur bleiben ungelöst. Eine längere Dürre würde daher sowohl die reale Erzeugungsfähigkeit als auch das Tempo der Energiereformen auf die Probe stellen.