← Zurück zu den Nachrichten

Deutschland droht 2029 eine Kapazitätslücke beim Phosphorrecycling

Deutschland hält an der Pflicht zur Phosphorrückgewinnung ab 2029 fest, obwohl dann höchstens 25 % der nötigen Kapazitäten zur Ascheaufbereitung verfügbar sein könnten. Die Verbrennungskapazität wächst, doch großtechnische Verfahren, Qualitätsvorgaben und Lagerregeln fehlen.

Deutschland droht 2029 eine Kapazitätslücke beim Phosphorrecycling

Rückgewinnungspflicht trifft auf fehlende Kapazitäten

Deutschland könnte die verpflichtende Phosphorrückgewinnung aus Klärschlamm beginnen, ohne genügend industrielle Kapazitäten für die entstehende Asche zu besitzen. Ab 2029 müssen Kläranlagenbetreiber Phosphor zurückgewinnen. Nach Angaben der taz erwartet das Umweltbundesamt bis dahin jedoch höchstens 25 % der benötigten Kapazitäten zur Ascheaufbereitung.

Die Lücke besteht trotz des bereits 2017 verabschiedeten Gesetzes und umfangreicher öffentlicher Forschungsförderung. In Deutschland fallen mehr als 1,5 Millionen Tonnen getrockneter Klärschlamm an. Bald sollen genügend Monoverbrennungsanlagen bereitstehen, um diese Menge zu verarbeiten. Dort wird Klärschlamm getrennt von anderem Abfall verbrannt, sodass der Phosphor für eine spätere Rückgewinnung konzentriert in der Asche verbleibt.

Der Engpass folgt nach der Verbrennung. Nur wenige Rückgewinnungsverfahren funktionieren bislang im großindustriellen Maßstab. Viele Pilotanlagen erzeugen zudem keinen wasserlöslichen Phosphor, den Pflanzen direkt über ihre Wurzeln aufnehmen können. Die Rezyklate können mit Cadmium, Kupfer und Nickel belastet sein und benötigen deshalb weitere Aufbereitungsschritte vor dem Einsatz als Dünger.

Betreiber fordern Aufschub, während die Lagerfrage drängt

Kläranlagenbetreiber und Kommunen wissen weiterhin nicht, wie sie die Einhaltung der Vorschriften nachweisen sollen. Ihr Verband DWA verlangt, das Inkrafttreten der Klärschlammverordnung um 10 Jahre zu verschieben. Auch die Umweltminister der Länder haben eine rechtssichere und praktikable Lösung gefordert.

Die Bundesregierung hält am geltenden Zeitplan fest. Silke Karcher vom Umweltministerium argumentiert, ein Aufschub würde die Vorleistungen jener Organisationen entwerten, die auf die Rechtslage vertraut haben. Julia Vogel vom Umweltbundesamt fordert den Start der großtechnischen Umsetzung, räumt aber zugleich ein, dass Übergangslösungen nötig sein werden.

Eine solche Lösung könnte darin bestehen, Klärschlammasche ab 2029 zu lagern, bis ausreichende Rückgewinnungskapazitäten verfügbar sind. Dadurch könnten auf unbestimmte Zeit große Bestände entstehen. Die Kosten würden letztlich die Abwassergebührenzahler tragen. Bei einem Treffen des Umweltministeriums am 8. Oktober soll es voraussichtlich um zentrale oder dezentrale Lagerung und die Verteilung der späteren Aufbereitungskosten auf die einzelnen Kläranlagen gehen.

Düngerhersteller verlangen marktgerechte Qualität und Preise

Die Düngerindustrie will Recyclingphosphor nur abnehmen, wenn Preis und Qualität ihren Anforderungen entsprechen, erklärte Johannes Monath vom Industrieverband Agrar bei einer Veranstaltung der Deutschen Phosphor-Plattform. Rechtliche Vorgaben zur Düngewirkung der Rezyklate fehlen bislang. Auch die Herstellung dürfte teuer werden, sodass das Material nur mit erheblichen Zuschüssen gegen konventionellen Phosphor bestehen kann.

Das Vorhaben ist strategisch bedeutsam, weil die EU Phosphor als kritischen Rohstoff einstuft. Die Landwirtschaft benötigt ihn für Dünger, die Tierhaltung für Futtermittelzusätze. Phosphatgestein konzentriert sich auf wenige Regionen, insbesondere Marokko, die von Marokko besetzte Westsahara und China. Abwasser bietet eine heimische Sekundärquelle, doch dort ist Phosphor mit Schwermetallen, PFAS und Mikroplastik vermischt, was die direkte landwirtschaftliche Nutzung des Klärschlamms begrenzt.

Kreislaufpotenzial ist größer als die heutige Umsetzung

Eine im Frühjahr veröffentlichte internationale Studie kam zu dem Ergebnis, dass eine globale Phosphor-Kreislaufwirtschaft den Bergbau auf 3 % des weltweiten Nährstoffbedarfs reduzieren könnte. Dafür wären abgestimmte Veränderungen in Düngerproduktion, Landwirtschaft und Ernährung nötig, darunter eine präzisere Düngung und weniger Lebensmittelverschwendung.

Eine weitere Auswertung von rund 200 wissenschaftlichen Studien ergab, dass aufbereiteter Urin und Kot eine ähnliche Düngewirkung wie Produkte der Agrarindustrie erreichen können. Für Deutschland ist die unmittelbare Aufgabe jedoch enger gefasst: Die wachsenden Verbrennungskapazitäten müssen mit zuverlässigen Rückgewinnungsanlagen, verbindlichen Produktstandards sowie einem tragfähigen Finanzierungs- und Lagersystem für die Zeit nach 2029 verbunden werden.

Wir verwenden Cookies, um Ihr Surferlebnis zu verbessern, personalisierte Inhalte bereitzustellen und unseren Traffic zu analysieren. Durch Klicken auf "Alle akzeptieren" stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Sie können Ihre Einstellungen verwalten oder mehr erfahren in unserer Datenschutzrichtlinie.