Deutschland fordert breiteren EU-Schutz vor der Expansion chinesischer Autobauer
Berlin will mögliche Zölle auf chinesische Plug-in-Hybride, Vorgaben für europäische Komponenten und Bedingungen für chinesische Investitionen prüfen lassen. Für Tunesien ist die Debatte besonders relevant: Die dortige Autoindustrie beschäftigt fast 120.000 Menschen und liefert 37 % ihrer Exporte nach Deutschland.
Berlin nimmt eine Lücke im EU-Handelsschutz ins Visier
Deutschland drängt die Europäische Union zu einem stärkeren Handelsschutz gegen die rasche Expansion chinesischer Autohersteller. Plug-in-Hybride rücken dabei als nächstes Segment in den Mittelpunkt. Vizekanzler und Bundesfinanzminister Lars Klingbeil erklärte laut Tunisie Numerique am 17. September in Wolfsburg, Berlin wolle in Brüssel eine härtere Reaktion auf chinesische Handelspraktiken durchsetzen, die Deutschland als unfair bewertet.
Zu den diskutierten Optionen zählen Zölle auf in China gebaute Plug-in-Hybride, ein Mindestanteil europäischer Komponenten in lokal produzierten Fahrzeugen, Gegenmaßnahmen zu chinesischen Subventionen und mögliche Joint-Venture-Vorgaben, wenn chinesische Hersteller in der EU Werke errichten. Dabei handelt es sich noch nicht um beschlossene Regeln. Ihre endgültige Ausgestaltung entscheidet, ob sich der Schutz vor allem auf importierte Fahrzeuge beschränkt oder auch Investitionen, Beschaffung und Zulieferbeziehungen innerhalb der EU verändert.
Plug-in-Hybride werden zum neuen Konfliktfeld
Seit Oktober 2024 erhebt die EU Ausgleichszölle auf in China produzierte batterieelektrische Fahrzeuge. Tunisie Numerique nennt zusätzliche Sätze von 17 % für BYD, 18,8 % für Geely und 35,3 % für SAIC sowie einen individuellen Satz von 7,8 % für Tesla Shanghai. Hinzu kommt der allgemeine Einfuhrzoll für Autos von 10 %. Plug-in-Hybride fallen nicht unter die Ausgleichsmaßnahme. Chinesische Hersteller können deshalb in diesem wachsenden Segment expandieren, ohne die zusätzlichen Zölle für reine Elektroautos zu zahlen.
Im ersten Halbjahr 2026 erreichten chinesische Hersteller 28,3 % des europäischen Marktes für Plug-in-Hybride. In der EU entfielen in den ersten vier Monaten rund 6 % der Neuzulassungen auf chinesische Marken, nach 3,2 % im Vorjahreszeitraum. Im breiteren Markt aus EU, Vereinigtem Königreich und EFTA-Staaten lag ihr Anteil im ersten Halbjahr bei 9,5 % und allein im Juni bei 10,9 %. SAIC registrierte dort im Halbjahr rund 180.015 Fahrzeuge, BYD 172.628 und Chery 169.727.
Deutscher Umbau erhöht den Druck auf Zulieferer
Der handelspolitische Vorstoß fällt in eine Phase, in der deutsche Hersteller und Zulieferer Kapazitäten und Beschäftigung abbauen. Der Volkswagen-Aufsichtsrat genehmigte Anfang September einen Plan mit rund 50.000 zusätzlichen Stellenstreichungen bis 2030. Zusammen mit bereits angekündigten Kürzungen könnten etwa 100.000 Arbeitsplätze wegfallen, fast 15 % der Konzernbelegschaft. Volkswagen beziffert seine Überkapazität in Europa auf mehr als 500.000 Fahrzeuge und sucht Alternativen zur Schließung der Standorte Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm.
Volkswagen strebt bis 2030 eine operative Marge von 9 % an, nach 3,8 % im ersten Halbjahr 2026. Bosch plant unterdessen, bis zum Ende des Jahrzehnts bis zu 13.000 Stellen im Automobilgeschäft abzubauen. Vor diesem Hintergrund fordern deutsche Länder mit großen Autoclustern handelspolitische Maßnahmen, niedrigere Industrie- und Energiekosten, weniger Bürokratie und zusätzliche Investitionen.
Tunesien steht vor einem Test der Inhaltsregeln
Tunesien ist über seine Autoindustrie mit etwa 300 Unternehmen und fast 120.000 Arbeitsplätzen unmittelbar betroffen. Rund 140 Betriebe haben ausländische Beteiligungen, während 65 % der Branche vollständig für den Export arbeiten. Die Branchenausfuhren erreichten 2025 etwa 3,9 Milliarden bis 4 Milliarden Euro. Die Tunisian Automotive Association erwartet bis Ende 2026 mehr als 4,2 Milliarden Euro.
Deutschland nimmt 37 % der tunesischen Autoexporte ab, Frankreich 21 %, Rumänien 12 % und Italien 11 %. Zusammen stehen die vier Märkte für rund 81 %. Tunesien ist zudem Deutschlands größter Lieferant von Kabelbäumen für Fahrzeuge; die deutschen Importe aus dem Land sind gegenüber 2020 um 150 % gestiegen. Entscheidend wird sein, ob künftige Vorgaben für europäische Inhalte euro-mediterrane Lieferketten anerkennen. Eine strikte Beschränkung auf EU-Komponenten könnte tunesische Zulieferer schwächen. Eine breitere Regelung könnte ihre Position sichern und Lieferungen an neue chinesisch-europäische Werke ermöglichen. Tunesien kann außerdem um Investitionen in Komponenten, Elektronik, Entwicklung, Software und Forschung werben, doch eine Produktion im Land würde nicht automatisch als europäischer Inhalt gelten.