Brasiliens Teemarkt wächst mit Premiumsorten, Cold Brew und Speisebegleitung
In Brasilien entwickelt sich Tee vom traditionellen Hausmittel zum Premiumgetränk, Kaltaufguss und alkoholfreien Speisebegleiter. Expert Market Research erwartet von 2025 bis 2034 ein durchschnittliches jährliches Wachstum von 6,9 %, während Hersteller trotz knapper Haushaltsbudgets von robuster Nachfrage berichten.
Vom Medizinschrank auf den Esstisch
Brasiliens Teemarkt erreicht eine breitere Konsumphase, da das Getränk nicht mehr nur als Hausmittel wahrgenommen wird. Verbraucher trinken Tee über den ganzen Tag, bereiten ihn heiß oder kalt zu und servieren ihn als alkoholfreie Alternative zu Mahlzeiten. Das schafft Platz für hochwertigen losen Tee, praktische Beutel, Fruchtmischungen und importierte Sorten neben den etablierten Segmenten für Kräuteraufgüsse und Mate.
Expert Market Research prognostiziert laut Valor Econômico für den brasilianischen Markt von 2025 bis 2034 ein durchschnittliches jährliches Wachstum von 6,9 %. Zuvor hatte Euromonitor International zwischen 2013 und 2020 einen Zuwachs von 25 % gemessen, doppelt so viel wie im weltweiten Durchschnitt. Die Kategorie gewann damit bereits vor ihrer aktuellen Gourmetpositionierung an Dynamik.
Mehr Komfort erschließt den Herstellern neue Konsumanlässe. Produkte, die direkt in kaltem Wasser ziehen, erleichtern den Konsum von ungesüßtem Tee während des Tages. Klassische Teebeutel bleiben wegen ihrer schnellen und verlässlichen Zubereitung gefragt. Im Premiumsegment erweitern loser chinesischer Tee, besondere Mischungen und Cold-Brew-Verfahren das Geschmacksspektrum der Verbraucher.
Wachstum setzt keine Verdrängung von Kaffee voraus
Tee steht weiterhin im Schatten der dominierenden brasilianischen Kaffeekultur. Carla Suaeressig, Gründerin und Koordinatorin der Brasilianischen Akademie für Tee und Mate, beziffert das Verhältnis der Präferenz für Kaffee gegenüber Tee auf 5 zu 1. Beide Kategorien müssten ihrer Ansicht nach nicht unmittelbar konkurrieren: Tee könne über eigene Anlässe wie Speisebegleitung, Flüssigkeitsaufnahme und alkoholfreien Konsum wachsen.
Brasilien verfügt zudem über eine eigene Produktionsgeschichte. Der Anbau von Camellia sinensis begann Anfang des 19. Jahrhunderts und erhielt durch die japanische Einwanderung im 20. Jahrhundert zusätzlichen Schub, besonders im Ribeira-Tal im Bundesstaat São Paulo. Registro wurde zu einem der wichtigsten Bezugspunkte der heimischen Teeproduktion. Im Süden Brasiliens war Mate bis Anfang des 20. Jahrhunderts ein bedeutender Wirtschaftszweig und Exportartikel; nach der Weltwirtschaftskrise von 1929 gingen die Ausfuhren jedoch zurück.
Die Unterscheidung zwischen Tee und anderen Aufgüssen ist auch kommerziell relevant. Tee stammt im engeren Sinne von Camellia sinensis und umfasst grünen, schwarzen, weißen, roten und Oolong-Tee, die alle Koffein enthalten. Getränke aus anderen Kräutern, Blüten, Wurzeln oder Früchten gelten als Aufgüsse. Brasiliens hoher Konsum von Kräuterprodukten bietet Herstellern eine vertraute Grundlage für Fruchtmischungen, funktionale Kombinationen und anspruchsvollere Teeformate.
Premiumisierung trifft auf knappe Haushaltsbudgets
Die Marktentwicklung verlief nicht geradlinig. Suaeressig betrieb früher Geschäfte der deutschen Premiumteemarke Tee Gschwendner in renommierten Einkaufszentren in São Paulo und Curitiba. Das Konzept war ihrer Einschätzung nach seiner Zeit voraus. Die Läden hätten jedoch anderen hochwertigen Marken den Weg bereitet und den ersten brasilianischen Sommelierkurs für Tee und Mate veranstaltet.
Das wirtschaftliche Umfeld bleibt schwierig. Henrique Luiz Boldrini de Almeida Fontana, Geschäftsführer des in Curitiba ansässigen Unternehmens Chás Real, sagte Valor Econômico, hohe Verschuldung der Haushalte und weniger verfügbares Einkommen hätten 2026 zu einem herausfordernden Jahr gemacht. Tee habe sich dennoch als robust erwiesen, insbesondere Kräutermischungen für Entspannung, Verdauung, Wohlbefinden und den täglichen Konsum.
Für Erzeuger, Verarbeiter und Importeure bestehen damit Chancen in zwei Preissegmenten. Erschwingliche Beutel und vertraute Geschmacksrichtungen können bei knappen Budgets die Mengen stabilisieren. Loser Tee, importierte Herkünfte, Cold-Brew-Produkte und die Begleitung von Abendessen ermöglichen höherwertige Verkäufe. Die etablierte Mate- und Kräutertradition senkt die Hürde für neue Produkte, doch der Präferenzvorsprung des Kaffees von 5 zu 1 spricht dafür, dass Tee eher durch neue Konsumanlässe als durch direkte Verdrängung wachsen wird.