Belgische Wettbewerbsbehörde sanktioniert Südzucker-Tochter Raffinerie Tirlemontoise wegen Rübenverträgen
Die belgische Wettbewerbsbehörde hat einen Missbrauch wirtschaftlicher Abhängigkeit durch die Raffinerie Tirlemontoise, das belgische Zuckergeschäft der Südzucker-Gruppe, festgestellt und damit ein Verfahren aus einer Beschwerde von 2018 abgeschlossen. Zusagen zu Klauseln über den Rübenkaufpreis und die Vergütung der Pulpe werden ab der Kampagne 2027 verbindlich. Die neue Rübenkampagne beginnt am 5. Oktober mit Erträgen von 15-16 Tonnen Zucker je Hektar.
Behörde stellt Missbrauch wirtschaftlicher Abhängigkeit fest
Die belgische Wettbewerbsbehörde (Autorité belge de la Concurrence, ABC) hat die Raffinerie Tirlemontoise, den belgischen Zuckerproduzenten der deutschen Südzucker-Gruppe, wegen ihres Verhaltens gegenüber Zuckerrübenanbauern sanktioniert, wie L'Avenir berichtet. Die Entscheidung schließt ein Verfahren ab, das auf eine Beschwerde aus dem Jahr 2018 zurückgeht.
Die Behörde stellte einen „Missbrauch wirtschaftlicher Abhängigkeit“ fest: Die marktbeherrschende Stellung habe es dem Unternehmen erlaubt, „unbillige Bedingungen gegenüber einem oder mehreren Handelspartnern durchzusetzen, die über keine zumutbare gleichwertige Alternative verfügen“. Auf dieser Grundlage geht die ABC davon aus, dass „der Wettbewerb beeinträchtigt werden kann“.
Klauseln zu Rübenpreis und Pulpe werden neu gefasst
Die Raffinerie Tirlemontoise bestritt die Vorwürfe, bot im Verfahren jedoch ein Paket von Verpflichtungszusagen an, das die ABC ab der Rübenkampagne 2027 für verbindlich erklärt hat. Das Unternehmen wird Vertragsklauseln ändern, die „die Bestimmung des Kaufpreises für Zuckerrüben und die Vergütung des Pulperückstands“ betreffen. Zudem darf es die Zahlung für die laufende Ernte nicht mehr an Verpflichtungen für die Kampagne des Folgejahres knüpfen – ein Mechanismus, der die Abrechnung einer Ernte an Zusagen für die nächste band.
„Das ist bindend und verpflichtend“, sagte Damien Gérard, Generalauditor der ABC, gegenüber L'Avenir. In der Rübenkampagne werde es „mehr Transparenz und weniger Unsicherheit“ geben. Die endgültigen Bedingungen werden noch verhandelt; weitere Einzelheiten nennt die Behörde derzeit nicht.
Jan Ingels, CEO der Raffinerie Tirlemontoise, erklärte, das Unternehmen habe „konstruktiv an diesem Prozess mitgewirkt“, und: „Wenn bestimmte Vereinbarungen klarer, transparenter, vorhersehbarer und ausgewogener gestaltet werden können, wollen auch wir diesen Schritt gehen.“ In derselben Mitteilung heißt es zugleich, „die Zusagen stellen kein Eingeständnis eines Verstoßes gegen das Wettbewerbsrecht dar“. Die Anbauer begrüßten das Ergebnis: „Das ist unsere Lesart, und ich hoffe, die RT sieht es genauso“, sagte Vincent Demanet, Vizepräsident des belgischen Rübenanbauerverbands CBB.
Kampagne startet am 5. Oktober mit Erträgen nahe dem Durchschnitt
Die neue Rübenkampagne beginnt am 5. Oktober, also vor dem Wirksamwerden der Zusagen. Demanet bewertet die Aussichten für die belgische Rübe im Vergleich zu den Nachbarn als ermutigend: „In Frankreich und Deutschland ist es eine Katastrophe. Wir kommen gut durch.“ Beim Zuckerertrag je Hektar liegen die belgischen Anbauer ihm zufolge im vierten Jahr in Folge an der Spitze Europas – vor zwanzig Jahren kamen die besten Rüben noch aus der Champagne.
Die Trockenheit hat die Erträge unter das Vorjahresniveau gedrückt, sie bleiben jedoch im Rahmen der jüngsten Jahre. Der Ertrag sinkt laut Demanet von mehr als 18 Tonnen Zucker je Hektar auf 15-16 Tonnen. Probenahmen deuten auf ein Ergebnis im Mittel der vergangenen sechs bis sieben Jahre hin. Ende Juni war der Bestand weit entwickelt, Regen Ende August half bei der Erholung. „Es ist nicht die angekündigte Katastrophe“, sagte er.
Preisschwelle und globales Angebot
Der Preis bleibt der begrenzende Faktor. Demanet setzt die Rentabilitätsschwelle bei über 600 € je Tonne Zucker an, während die Tonne derzeit mit etwas mehr als 500 € notiert. Diese Lücke von rund 100 € bestimmt die Wirtschaftlichkeit der beginnenden Kampagne.
Die Angebotssignale sprechen für die Anbauer. Neben geringeren Rübenernten in Frankreich und Deutschland dürfte auch die Rohrzuckerproduktion in Brasilien und Indien zurückgehen, was Demanet auf die Ölkrise zurückführt. Beide Länder können Zuckerrohr wahlweise zu Zucker oder zu Ethanol verarbeiten. „Sie werden also mehr Ethanol herstellen, und damit kommt weniger Zucker auf den Markt“, sagte er.