Analysten warnen: Ölmarkt bleibt trotz Rückkehr auf Vorkriegsniveau anfällig für neuen Preissprung
Die Ölpreise sind auf Vorkriegsniveau zurückgekehrt, nachdem die USA und der Iran Gespräche über die Wiederöffnung der Straße von Hormus vereinbart haben. Doch Analysten von Goldman Sachs, Citigroup und Energy Aspects warnen, dass rekordniedrige Lagerbestände den Markt im zweiten Halbjahr für einen erneuten Preissprung anfällig machen.
Die Ölpreise sind auf das Vorkriegsniveau zurückgefallen, nachdem die USA und der Iran vereinbart haben, über ein Abkommen zu verhandeln, das die Wiederöffnung der Straße von Hormus einschließt. Dennoch warnen Analysten und Investmentbanken, dass der Markt in der zweiten Jahreshälfte weiterhin gefährlich anfällig für einen erneuten Preissprung bleibt, wie Oilprice.com und Hellenic Shipping News berichten.
Preise geben nach, während die Hormus-Ströme zurückkehren
Da die Öllieferungen aus dem Nahen Osten allmählich zurückkehren, erwarten viele Analysten einen Rückgang der Preise in Richtung 60 US-Dollar pro Barrel; der Terminmarkt ist ins Bärische gedreht, die meisten Spekulanten setzten im vergangenen Monat auf fallende Preise, berichtet Oilprice.com. Goldman Sachs erklärte vergangene Woche, das bevorstehende Wettrennen um den Wiederaufbau der geleerten Lagerbestände werde das gewaltige Überangebot nicht ausgleichen, das im nächsten Jahr auf den Markt komme, sobald sich der Verkehr durch die Straße von Hormus normalisiere. Citigroup rechnet damit, dass Brent-Rohöl bis Jahresende auf bis zu 60 US-Dollar pro Barrel fällt, und erwartet, dass sich die Ströme bald normalisieren und Washington und Teheran in den kommenden Monaten eine Einigung erzielen.
Ein Rahmen, kein Friedensabkommen
Das Memorandum of Understanding zwischen den USA und dem Iran ist nur ein Rahmen, um bis Ende August über ein mögliches Abkommen zu verhandeln, und keine dauerhafte Lösung, betont Oilprice.com. Öffentliche Fortschritte sind nicht erkennbar, und der Iran hat seinen Anspruch auf Kontrolle über die Passage nicht aufgegeben, einschließlich Forderungen nach „Servicegebühren" für sichere Durchfahrt. Das iranische Atomprogramm bleibt sowohl im Memorandum als auch in den wenigen Gesprächen seit der Einigung Mitte Juni ungelöst. Händler verweisen darauf, wie gut der Markt die schwerste Lieferunterbrechung der Geschichte verkraftet hat, doch dies wurde durch die Freigabe strategischer Reserven und den frühen Kaufstopp Chinas am Spotmarkt abgefedert.
Erholung von Schifffahrt und Förderung hinkt hinterher
Die physische Lage ist alles andere als normal. Der Chef der japanischen NYK Line, die mehr als 900 Schiffe betreibt, sagte der Financial Times, dass Minen die Schifffahrt durch die Straße von Hormus für Monate auf weniger als die Hälfte des Vorkriegsniveaus drücken werden, selbst wenn ein Friedensabkommen zwischen den USA und dem Iran hält, berichtet Hellenic Shipping News. Die US-Energiebehörde EIA geht davon aus, dass die Straße bis zum Frühsommer faktisch geschlossen bleibt und die Ströme im dritten Quartal langsam wieder anlaufen; sie erwartet eine Rückkehr von Förderung und Handelsströmen zum Vorkriegszustand erst Anfang 2027, wobei einige Produzenten am Persischen Golf ihre Förderung bis Ende 2027 nicht wiederherstellen werden. Der Iran hat seit der Aufhebung der Sanktionen 40 Millionen Barrel verkauft, doch bei einer Förderung von 5 Millionen Barrel pro Tag laut Energy Institute entspricht das nur acht Tagen Produktion.
Niedrige Lagerbestände lassen keinen Puffer
Das zentrale Risiko liege, so die Analysten, darin, dass die Lagerbestände auf kritische Werte gesunken sind und keinen Spielraum lassen, sollten die Gespräche scheitern.
- Die US-Rohölbestände einschließlich der Strategischen Erdölreserve (SPR) liegen laut Energy Aspects auf dem niedrigsten Stand seit 1985.
- China hatte bis zum Beginn des Konflikts am 28. Februar mehr als 1,3 Milliarden Barrel in kommerziellen und strategischen Beständen angehäuft und stellte die Spotkäufe ein, sobald die Preise anzogen.
- Die seewärtigen Rohölimporte Chinas fielen im Juni auf knapp über 6 Millionen Barrel pro Tag – der vierte monatliche Rückgang in Folge und der niedrigste Stand seit mindestens 2016, so Vortexa.
Ilia Bouchouev vom Oxford Institute for Energy Studies sagte Reuters, geleerte Bestände hinderten den Markt nicht am Funktionieren, machten die Terminpreise aber anfälliger für Sprünge. Pamela Munger von Vortexa erwartet, dass sich die chinesischen Importe nur allmählich und nicht zwangsläufig auf Vorkriegsniveau erholen. Solange die Lager nicht aufgefüllt sind, könnte jede Kehrtwende in den Spannungen zwischen den USA und dem Iran den Markt einer erneuten Unterbrechung aussetzen – vor dem Hintergrund dessen, was die IEA die „größte Energiekrise der Geschichte" nannte.